Flatterwochen statt Flitterwochen

Ich wohne gegenüber einer Kirche. In einer von grossen Bäumen gesäumten, verkehrsberuhigten Strasse. Alles Altbau hier. Schön und meistens ruhig. Der perfekte Ort zum heiraten – wenn man an dem Klischeehaften seine Freude hat. Und wenn man schon dabei ist, kann man dem Ganzen auch noch die Krone aufsetzen indem man, nach dem Treueschwur in authentischer Ewigkeitsatmoshpäre, auf den in Stein gemeiselten Treppenstufen vor dem Gotteshaus zwei weisse Tauben in den Himmel aufsteigen lässt. Eine starke Symbolik. So perfekt – „It’s a wrap“, würde der Regisseur sagen. Die Szene ist im Kasten. Die Anwesenden werfen mit Reis. Die Braut wischt sich die Tränen aus dem Schleier. Der Bräutigam hat Muskelkater in den Backen. Alle sehen ihre Investitionen gut angelegt – nur Onkel Günther würde gerne endlich ehrlich mal eine rauchen.

Nach den obligatorischen Fotoaufnahmen – Hochzeitspaar-mit-Allen, Hochzeitspaar-nur-mit-ihrer-Familie, Hochzeitspaar-nur-mit-seiner Familie, Nur-Bräutigam-mit-seiner-Familie, Nur-Braut-mit-ihrer-Familie, Hochzeitspaar-mit-allen-Trauzeugen, Braut-nur-mit-ihren-Brautjungfern, Bräutigam-nur-mit-seinen-Trauzeugen, Hochzeitspaar-nur-mit-Geschwistern, Hochzeitspaar-nur-mit-Grosseltern, Hochzeitspaar-mit-Pastor und Hochzeitspaar-alleine – geht es, unter ständigem Hupen, in einem gemieteten und floral geschmückten Oberklassewagen auf die Sonnenterrasse des Bürgerhauses in Rauschholzhausen. Deutschland ist Weltmeister!

Die symbolträchtig und Bildgewaltig in Freiheit entlassenen Turteltauben sind wahrscheinlich auch schon unterwegs in die Flitterwochen, so vermutet man wohl während man sich in beschreibenden Superlativen der Schönheit dieser Hochzeit ergibt. Das die Tauben nur in den nächsten Baum geflattert sind und nun vor meinem Balkon nervös ihr Gefieder putzen hat in dem ganzen Freudentaumel niemand bemerkt. Naja, denke ich, die müssen sich erst mal erholen von dem ganzen Terror im tragbaren Fritzelkeller – denn ich weiß, dass Tauben stets zu dem Ort zurückkehren an dem sie geboren wurden. Nach einigen Minuten kommt eine der Tauben plötzlich zu mir auf den Balkon geflogen – die will mich nach dem Weg fragen, denke ich. Nein, ob ich vielleicht was zu essen für sie hätte, scheint die Taube zu sagen, sie seien die neuen Nachbarn, frisch vermählt und voll in Love und sie hätten noch nicht die Gelegenheit gehabt, einkaufen zu gehen. Ich hole ein paar Haferflocken und denke, das sind doch eigentlich echt nette Nachbarn. Von mir aus können die bleiben. Die beiden machen sich über das karge Mahl her als hätten sie schon länger kein Kohlenhydrat mehr gesehen. Ich versuche ein Selfie zu machen – wie geil ist das denn! So symbolisch – ich und eine doppelte Portion Friede, Freude und Eierkuchen. So was hat die Welt noch nicht gesehen! Das muss ich mitteilen! Ich habe jetzt Haustiere! Zwei weisse Tauben auf meinem Balkon. So geile Atmo!

Am nächsten Tag gehe ich los und kaufe erst mal was Ordentliches für meine neuen Freunde. Papageienfutter scheint angemessen. Papageien sind teure Vögel – die fressen keinen Scheiss. Ach und was freuen sie sich, dass ich so aufwendig für sie gekocht habe. Das wäre doch nicht nötig gewesen. Sie beschliessen spontan endgültig zu bleiben und lassen sich auf einem Sims direkt auf meinem Balkon nieder. Von nun an beobachte ich täglich vergnügt das stetige Turteln, das Picken und Necken – das wilde Kreuzen liebeshungriger Schnäbel. Das die beiden dabei eigentlich ständig und scheinbar unkontrolliert alles vollkacken verbanne ich anfangs aus meiner harmonieorientierten Projektion auf die Zukunft unseres gemeinsamen Zusammenlebens. Wird schon gehen, denke ich wenn ich von nun an täglich die Exkremente vom Balkon kratze. Die Hälfte habe ich schon mit Pappkarton ausgelegt. Solange sie in ihrer Ecke bleiben ist alles gut. Wer ist schon so cool und hält sich zwei weisse Tauben auf dem Balkon !? Aber mein Vater, seines Zeichens als Taubenzüchter aufgewachsen, hatte mich bereits gewarnt. Wenn du sie fütterst, wirst du sie nicht mehr los. Als der gute Sohn der ich bin, schlug ich auch noch mittlerweile 45-jährig seine gut gemeinten Ratschläge mit einem zurkenntnisnehmenden Nicken in den Wind. Ich genoß weiterhin meine Kippen unter dem Liebesspiel meiner gefiederten Freunde und konnte beobachten, dass sich die Turtelintensität langsam zu steigern schien. Desweiteren blieb es mir nicht verborgen, dass die beiden Vögel mitnichten mit einer Ecke meines Balkons Vorlieb nehmen wollten. Wohl in Erwartung baldigen Nachwuchses begannen sie sich und ihre Ausscheidungen auf dem gesamten Balkon auszubreiten, Erde aus meinen Blumentöpfen zu picken und schliesslich versuchten sie ernsthaft, sich aus Basilikum ein Nest zu bauen. Ich kam mit dem Kackekratzen kaum mehr hinterher und hielt mich nun immer seltener auf dem Balkon auf, da ich immer öfter auch zur Drahtbürste greifen musste. Langsam kam ich ins Grübeln – will ich das wirklich? Ständig die Scheisse wegmachen nur um wieder zu füttern nur um noch mehr Scheisse wegzumachen. Was habe ich eigentlich von dieser Gemeinschaft? Drei Selfies bevor es langweilig wird? Mein Balkon war von einem Ort der Ruhe und Gelassenheit zu einem sich täglich neuanordnendem Minenfeld geworden. Die friedvolle Symbolik war einer Realität mit hohem Ammoniakgehalt gewichen. Meine Stimmung welkte zunehmend und im Gleichschritt mit meinen Balkonpflanzen dahin. So konnte es auf keinen Fall weitergehen. Reumütig bat ich meinen Vater um seinen zuvor verschmähten Rat. Papa, die kacken mir hier alles voll – ich bin vollkommen am Ende. Zwei Tage später kam mein Vater vorbei und überraschte die Vögel im Schlaf. Leider war es ihm nur möglich, eine Taube zu packen während die andere selbstverständlich panisch das Weite suchte. So plötzlich wurden Bernd und Bärbel, so hatte ich meine beiden Lovebirds getauft, getrennt. Bernd, der treue Täuberich, entführt. Bärbel, mit der freiflottierenden Angst, auf der Flucht. Das Bernd schon bald wieder in relativer Freiheit sein würde, konnte Bärbel ja nicht wissen. Bärbel brauchte selbstverständlich ein paar Tage für sich selbst bevor sie sich wieder in die Nähe meines Balkons traute und verstohlen von dem Baum aus, in dem ich sie einst entdeckte, auf die leere Futterschale ihres früheren Zuhause starrte. „Wo ist mein geliebter Bernd?“, schienen ihre nervösen Augen zu sagen – oder aber mindestens „Gib endlich Futter, Arschloch!“ Ich fühlte mich schuldig. Schuldig an Bärbels Einsamkeit, schuldig an ihrem Hunger – schuldig an ihrem ganzen Schicksal. Gerne hätte ich mich damit getröstet, dass ich die Vögel ja nicht einfach ihrem Schicksal überlassen hatte – sondern, dass es die Hochzeitsgesellschaft war, die rücksichtslos und rein formal und effektiv gehandelt hatte. Leider musste ich feststellen, dass meine Beweggründe zur Aufnahme der so obdachlos gewordenen Deko-Vögel auch nicht höher angesiedelt waren. Mir ging es ja auch nur um die eigene Atmo. Ich wollte der Typ sein, der mit den Tauben flüstert – und erst zu spät wurde mir bewusst, dass weder sie mich, noch ich sie wirklich verstehen konnte. Bärbel blieb meinem Balkon immer häufiger fern – und trotzdem, jeden Tag wenn ich den Feierabend begrüssend von meinem Rad stieg, suchte ich die Bäume, die Fensterbänke und Gauben des Hauses nach dem weissen Vogel ab. Ich wollte nicht, dass Bärbel wiederkommt, ich wollte vielmehr die Gewissheit, dass es ihr gut geht und sie noch nicht mit den grauen Klumpfuss-Geiern unter den Mülleimern in der Fussgängerzone herumlungerte. Nach ungefähr einer Woche bekam ich Gewissheit – nicht von der Art, wie ich sie mir vorgestellt hatte – sondern in Gestalt eines neuen Turtelpartners. Bärbel hatte augenscheinlich und im Gegensatz zu mir nicht viel Zeit mit Trauern verbracht und sich direkt einen neuen Hengst angelacht. Einen Schwarzen – das Klischee ist bekannt. So fühlte ich mich schliesslich meiner Verantwortung enthoben, hatte es doch den Anschein als sei Bärbels neuer Lebensabschnittsgefährte so ganz und gar nicht mit einer Traumhochzeit in Verbindung zu bringen. Er schien äusserst Street-Tough zu sein und durchaus fähig sich Gangstermäßig um Bärbel zu kümmern.

Meine Gedanken wanderten so entsorgt zurück zum Anfang unserer Geschichte und zu dem Paar dessen Hang zu universeller Symbolik Bernd und Bärbel ursprünglich gewesen waren. Wenn die Form stimmt, wird der Gehalt schon folgen, schien man sich gedacht zu haben. Die Freiheit des Einen feiert die Gefangenschaft des Anderen – was beiden gleich bleibt ist die Ungewissheit.

(Erschienen im SOLO Skateboard Magazin #11)