Das Ende vom Lied

Mit meiner letzten Freundin habe ich am Telefon Schluss gemacht. Ein absoluter Beziehungs-Fauxpas, ich weiss. Das war auch von mir nicht so geplant. Echt jetzt. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass es sich um eine Fernbeziehung gehandelt hat und das zwischen mir und meiner Freundin immer 500 km lagen. Über die Hälfte der Beziehungszeit hat sich also sowieso mehr oder weniger am Telefon abgespielt. Nun denn, jetzt war es also Aus. Jetzt war also der Moment gekommen, wo auch das Herz endlich versteht, dass es mit dem Kopf so nicht weitergehen kann. Ich wollte ja darüber sprechen, es ausdiskutieren und im Guten auseinandergehen. Leider war das aber in diesem Moment in Zeit und Raum nicht möglich.

Nun musste ich also ein letztes Mal die lange Fahrt antreten, die mich bis zu diesem Zeitpunkt immer mit grösster Freude erfüllt hatte. Doch dieses Mal bin ich die 500 km nicht gefahren sondern gefallen. Die Strasse glich einer Schlucht ohne Licht am Ende des Tunnelblicks. Als ich Stunden später vor ihrer Wohnungstür aufschlug, war die Stimmung gelinde gesagt, eisig. Was soll man auch noch gross sagen wenn man am Ende ist? Wenn das letzte Wort mit Macht gesprochen ist und das Herz hinterherhumpelt wie ein dreibeiniger Schoßhund? Schliesslich haben wir uns dann doch noch wortkarg dazu durchgerungen das Letzte Abendmahl beim Thailänder um die Ecke gemeinsam zu bestreiten und so saßen wir wenig später unter freiem Himmel da wie zwei gleichpolige Magneten die sich umarmen wollen und sahen uns wortlos rückwärts in die Augen. Noch nie war mir Essen so egal. Nach dieser Suppe und diesem Bier, nach der nächsten Zigarette war’s das dann. Einen Moment den man herbeisehnt in dem man ihn die Länge zieht. Man raucht die letzte Kippe wie die Erste. Bis zum Filter. Nur noch ein Mal ziehen bevor der Ofen endgültig aus ist. Es dauert Millionen von Minuten bis einer von uns sagt „Wollen wir gehen?“ – und schliesslich wollen wir, ohne diesen Willen zu haben – und endlich tritt die Bedienung an unseren Tisch, präsentiert uns die Rechnung und bringt es zusammenfassend auf den Punkt: „Zusammen oder Getrennt?“

Wenn man etwas anfängt, denkt man nie auch an das Ende. Die Kraft einer Idee kann dein ganzes Leben aus den Angeln heben ohne das du das Gefühl hast, du könntest irgendwann den Boden unter den Füssen verlieren. Der kreative Rausch der Begeisterung fokussiert ein Ziel das noch im Dunkeln liegt. Das grosse Unbekannte. Das Ende spielt am Anfang wahrscheinlich auch deshalb keine Rolle, weil es eine lebensbestimmende Tatsache ist, der sich niemand entziehen kann. Irgendwann ist alles zu Ende. Nichts ist für die Ewigkeit. Alles vergeht, stirbt, wächst heraus oder wird wenigstens irgendwann wieder Out. Der lebenslange Treueschwur den man bei einer Hochzeit leistet ist sicher meistens in diesem Moment vollkommen ernst gemeint. Er kommt von ganzem Herzen. Ihn nicht zu leisten steht ausser Frage. Wie könnte sich jemals etwas an diesem wunderbaren Gefühl ändern? Es regnet nie aus Wolke 7. In Wahrheit aber ist es doch so, dass wir meinen, die Kontrolle über die eigene Lebensentwicklung zu haben obwohl in Wirklichkeit Nichts unserer Kontrolle unterliegt. Wenn man von etwas oder jemanden fasziniert ist, wenn dieses Etwas etwas anderes in einem zum Schwingen bringt dann beginnt eine Zeit, in der die Gefühle kreativ werden. Sie erheben sich aus der geistigen Monotonie und steigen fantastisch beflügelt über der eigenen Persönlichkeit auf. Sie schaffen einen Gefühlsraum in dem wir ewig zu Hause sein wollen und auf dem Höhepunkt dieser Welle, am Scheitelpunkt, glauben wir tatsächlich, das die Ewigkeit in diesem Lebensmoment liegt.

Als ich vor über 9 Jahren mit dem Schreiben dieser Kolumne angefangen habe, dachte ich nicht daran, dass es nach der ersten Kolumne irgendwann auch eine Letzte geben wird. Damals hatte ich schon über 20 Jahre auf dem Skateboard zugebracht und glaubte zu diesem Thema hätte ich definitiv einiges zu sagen. Stimmte ja auch. Definitiv. Die ersten Texte sind mir förmlich aus der Feder geflossen doch im Fortschritt der Zeit fiel es mir über die Jahre zunehmend schwerer rein Skateboardspezifische Themen zu finden, die mich noch derart flashten, dass sie Gehirnschmalz für 1250 Wörter generieren konnten und so wurde meine Kolumne auch zunehmend von Themen bestimmt, die Abseits von Skateboarding, in meinem persönlichen Leben augenblicklich von Relevanz waren. Alles was ich in meinem Leben gemacht habe ist eng mit mir und meinen persönlichen Umständen und Gefühlslagen verbunden. Ich kann nicht anders. Ich kann nur wenn ich Voll Bock habe. Wenn ich mich quälen muss versuche ich möglichst einen konfliktfreien Umweg zu finden. Ich bin entweder absolut zufrieden oder Wahnsinnig. Entweder exorziert oder besessen. Meine Mutter, meine Ex-Frau und mein Geschäftspartner können ein Lied davon singen. Auweia, wehe wenn der Christian keinen Bock hat – dann ist es leichter ein totes Huhn für die Massentierhaltung zu begeistern. Der macht nur was er will. Der ist elitär. Don’t mistake my arrogance for shyness.

Dann war aber plötzlich erst mal Schluss mit Lustig und mein Leben, wie ich es bis dahin kannte, stand im Begriff sich in einen Hauch von Nichts aufzulösen. Zu dieser Zeit war ich absolut nicht zu Skateboardscherzen aufgelegt und jede Deadline für diese Kolumne war wie Weihnachten am Kreuzigungstermin. Viele meiner Kolumnen aus dieser Zeit waren halbherzige Grüße aus einem tiefen Jammertal. Das ging so weit, dass ich mir vorwerfen lassen musste, ich würde in meinen Texten das Ende meiner eigenen Skateboardfirma heraufbeschwören. Darüber hatte ich nie nachgedacht. Ich dachte nur, du musst was Schreiben, du hast Termin und das ist gerade bei dir dran und das geht jetzt so raus. Fickt euch doch wenn ihr lieber mal wieder lachen würdet. Aber wie alles im Leben, so hatte auch diese Phase irgendwann ein Ende und ich schlug auch in meinen Kolumnen wieder einen positiveren Ton an – allerdings ohne oder mit immer weniger Bezug zum Thema Skateboarding.

Das ich heute meine letzte Kolumne schreibe ist nicht das Ergebnis langer Planung oder grosser strategischer Überlegungen. Der Entschluss stand in meinem Kopf plötzlich fest – und hatte wieder nichts mit Skateboarding zu tun. Das war jetzt einfach dran und das musste dann auch so raus. Skateboarding ist immer noch meine bevorzugte Lebensart mit dem Unterschied, dass nicht mehr vordergründig das Brett den Unterschied macht sondern das, was diesen Lebensstil für mich so alternativ macht bzw. das Maß in dem die Skateboardszene mein Leben geprägt hat. Skateboarding war in meinem Leben rückblickend für meine Persönlichkeit wichtiger als Schule, wichtiger als eine Ausbildung zum Fotografen und wichtiger als ein gesicherter Lebensabend. Skateboarding war mein Lehrer, Freund, Partner, Prediger, Professor und Dozent oder, wie ich mich an anderer Stelle schon mal so wunderbar ausgedrückt habe: Das Leben schreibt die schönsten Geschichten aber nur Skateboarding liest sie dir auch vor. Was ich aus meiner Zeit als Brettaktivist mitnehme, ist das Leben in einer Parallelgesellschaft, die meinem persönlichen Leben eine ganz besondere Qualität geschenkt hat. Andere Gedanken. Andere Werte. Andere Menschen und eine andere Sicht der Dinge – und zwar in alle Richtungen. Ich bin froh und dankbar, dass es so gelaufen ist. Durch Höhen und Tiefen. Durch Frust und Freude. Vom ersten Ollie bis zum Kickflipverlust. Und bekanntlich soll man aufhören wenn es am Schönsten ist bzw. spätestens wenn man das Gefühl hat, es sei alles in diesem Rahmen und unter diesen Umständen gesagt und getan. So weit ist es nun gekommen und ich sage euch ein letztes Mal an dieser Stelle „Auf Wiedersehen“. Alles wird gut wenn wir versuchen immer besser zu werden.

Ich bin jetzt wieder Solo.

Grüße, Gutes & More,

Euer Cpt. Cracker

(Erschienen im SOLO Skateboard Magazin #14)
Illustration: Julien Schwing